Warum es sich manchmal wie sterben anfühlt, sich von einem Muster zu lösen.. und Gedanken zum EgoTod

ich kenne es auch aus meiner eigenen Geschichte. Wenn man sich eine Überlebensstrategie zugelegt hat, um in einem sehr traumatisierenden und überfordernden Umfeld zurechtzukommen, identifiziert man sich dermaßen damit, dass man irgendwann regelrechte Todesängste bekommt, wenn man sich nun wieder davon lösen soll.


Wieso ist das so? Kognitiv müsste man ja eigentlich erkennen, dass einem dieses Muster auch sehr viele Schwierigkeiten bereitet. Aber irgendetwas löst eine unglaubliche Angst aus. Bei mir zb. war die größte Angst, ich könnte ein schlechter Mensch sein oder egoistisch, wenn ich mich um mich selbst kümmere. Hier liegen natürlich tiefliegende Glaubenssätze aus der Kindheit vor, die man auch lernen kann, zu identifizieren und sich davon zu verabschieden.


Es kam dann irgendwann der Punkt, an dem ich merkte, dass meine Strategie nicht mehr funktionierte. Meine innere Stimme wurde immer lauter. Ich war dermaßen damit beschäftigt, mich für andere aufzuopfern, dass ich mich selbst und meine Bedürfnisse gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Psychosomatische Symptome nahmen zu, ich war nur noch erschöpft... Eines Nachts.. ich lag gerade im Garten auf einer Liege um den Sternenhimmel zu betrachten, um vielleicht in den Weiten des Universums eine Antwort auf meine Sorgen zu finden.. Da war auf einmal diese Stimme, es war richtig laut in meinem Kopf. Wer bin ich??? Was möchte ich? Ich war richtig erschrocken.. und da fing meine Reise an.


Ich begann eine Therapie um meine Vergangenheit aufzuarbeiten und ich wusste nur eins: Ich will verdammt noch mal endlich ICH SELBST sein!! Ich möchte keine Rollen mehr erfüllen, um anderen zu gefallen. Ich möchte keine faulen Kompromisse mehr eingehen, nur für ein Fünkchen an Aufmerksamkeit und Liebe. Bis dahin war dieses "Selbst" nur ein diffuses Gefühl und ich konnte es nicht richtig einordnen. Es war nur eine Gewissheit, da muss es noch mehr geben. Das kann es nicht gewesen sein.


Als es dann irgendwann ans Eingemachte ging und auch darum, mich in der systemischen Aufstellung von meiner Überlebensstrategie (also dem falschen Selbst) zu lösen, bekam ich eine unglaubliche Angst. Was, wenn ich das alte loslasse? Wer bin ich denn dann noch? Werde ich dann sterben? Löse ich mich auf? Von außen betrachtet, sind das natürlich völlig unsinnige Gefühle, aber wenn man in diesem Prozess steckt, fühlt sich das verdammt real an. Man weiß tief in sich drin, das alte muss weg, es ist mir nicht länger dienlich und behindert mich in meiner Entwicklung, allerdings, hat man sich im Laufe des Lebens so sehr mit diesem Muster identifiziert, dass man es mit seinem wahren Selbst verwechselt und man denkt wirklich, wenn ich das jetzt loslasse, höre ich auf zu existieren.




In spirituellen Kreisen wird dieses Phänomen oft EgoTod bezeichnet. Wobei ich auch dazu mittlerweile eine andere Sichtweise habe. Das Ego muss nicht getötet und auch nicht losgelassen werden. Für mich ist das Ego, nichts anderes als ein verletzter innerer Anteil, der einfach nur wahnsinnige Angst hat verletzt zu werden und sich deshalb verschiedene Strategien zulegt um sich zu schützen zb. Macht und Kontrolle auszuüben oder sich anzupassen. Wenn man jetzt viel an seinen Mustern und Anteilen arbeitet, bekommt man eine immer bessere Verbindung zum eigenen Selbst und dann kann man dem Ego vermitteln, dass es jetzt vertrauen haben kann, weil man selbst seine Probleme lösen kann. Man könnte dann das Ego innerlich statt als Feind, als Freund betrachten und sagen: Danke, dass du diese Arbeit übernommen hast, aber ich kann inzwischen selbst meine Probleme lösen. Ich bin erwachsen und stark. Du bist sicher und beschützt und ich Danke dir für deine Unterstützung. Das Ego spürt genau, ob es wirklich vertrauen kann und zieht sich dann entspannt zurück und kann die Arbeit tun, für die es eigentlich vorgesehen ist und möchte auch im Grunde nichts anderes. Der Widerstand löst sich auf. Das wahre Selbst übernimmt die Führung.


Wenn ich mir das Ego nun vorstelle, wie ein kleines ängstliches Kind, kann man sich mal vorstellen, wie so ein Kind sich fühlt, wenn es spürt es soll getötet werden. Entweder versucht es nun, noch mehr die Lage zu kontrollieren oder es versucht vorzuspielen, bereits Tod zu sein. Es hüllt sich beispielsweise in einen spirituellen, erhabenen Mantel und man erkennt nicht, dass das Ego hier mächtiger geworden ist als je zuvor. Aber auch gefährlicher, da es ja versteckt ist. Das ist genau das, was man spirituelles Ego nennt. Man fühlt sich erleuchtet, weiter als andere, erhaben, besonders.... Das alles hat nichts mit Erleuchtung zu tun, sondern du bist noch weiter entfernt von deinem wahren Selbst als je zuvor. Was für ein schlauer Trick ;-)


Also, im Grunde genommen, bleibt einem ab einem bestimmten Punkt während des Prozesses nichts anderes übrig, als diesen Schritt ins gefühlte Nichts zu wagen. Auch wenn ich das neue noch nicht greifen kann, muss man im Leben manchmal Risiken eingehen um tiefgreifende Veränderungen zu erfahren. "Life begins outside your Comfortzone" ;-)

Man kann sich ja im Hinterkopf behalten, sollte mir das neue nicht gefallen, kann ich immer wieder zurück in mein altes Muster. Aber glaubt mir, da wollt ihr sicher nie wieder hin, wenn ihr einmal den Geschmack der emotionalen Freiheit gekostet habt!!




Ich finde es sehr wichtig, sich diese Mechanismen bewusst zu machen, um nicht vorzeitig aufzugeben. Besonders da man, wenn man diesen Punkt erreicht hat, schon kurz vor seinem Ziel steht. Das ist sozusagen, die Phase an dem die Raupe sterben muss, um ein Schmetterling zu werden. Sie muss das Leben als Raupe loslassen, um sich dem wahren Selbst, dem Schmetterling zuzuwenden. Das Leben als Raupe diente lediglich als Vorbereitung. Und genau so sehe ich das auch mit unserem Leben als Mensch. Die Schwierigkeiten und Hürden die wir bewältigen müssen, bereiten uns darauf vor, endlich ein erfülltes und glückliches Leben als wir Selbst zu leben. Das schlimmste was man wohl am Sterbebett sagen könnte ist: Ich habe es immer nur anderen Recht gemacht und niemals mein eigenes Leben geführt. Es ist nie zu spät für eine Neugeburt, noch während des Lebens. Und echtes sterben ist dafür wirklich nicht notwendig, auch wenn es sich so anfühlt ;-)


Jacqueline Pomaroli





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